> Charakter 12|92 - 'Weihnachtsmann gibt's nicht." (Foto: Reprint Archiv)
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> 12|92 geschichte

"Fies: Weihnachtsmann gibt's nicht"

Die zwei bekanntesten Weihnachtsmannforscher Europas schüren einen Konflikt, der Deutschland wieder zu spalten droht. Prof. Hirse: "Der bärtige Bote existiert" versus Dr. Meinzel: "Weihnachtsmann gibt's nicht."


> In einer schon heute historischen Pressekonferenz ließ Dr. Jack Meinzel am 23. August die Bombe in Kassel platzen. "Den Weihnachtsmann hat man sich doch nur ausgedacht. Den gibt's doch gar nicht."

Der 33jährige Historiker an der Göttinger Universität präsentierte die Ergebnisse seiner sechsjährigen Forschungsarbeit. In einer schonungslosen zweistündigen Analyse legte der ehrgeizige Wissenschaftler Beweis um Beweis für die Nicht-Existenz des bärtigen Mythos vor.

Bereits im Alter von sieben Jahren plagten den kleinen Jack Zweifel: "Wenn es nur einen Weihnachtsmann gibt, warum laufen dann soviele in der Stadt 'rum, Mutter?", sah sich Pamela Meinzel der analytischen Fragestellung ihres skeptischen Sprösslings ausgesetzt.

Diese Problemstellung systematisierte der Diplomant Meinzel in seiner akademischen Abschlussarbeit mit dem Titel: "Untersuchung der multiplen Erscheinungsformen des 'Homo Festus Fest' zur Verifikation seiner Identität im Deutschland der Grenzen von 1989". In diesem 850 Seiten starken Werk dokumentiert Meinzel explizit die Befragung von 16.345 Weihnachtsmännern im gesamten Bundesgebiet. "Sind Sie der Weihnachtsmann?" fragte der Forscher die Männer, die er von Anfang bis Ende Dezember in Fußgängerzonen und Einkaufszentren aufspürte. Die übrige Zeit des Jahres nutzte der fleißige Historiker zur Auswertung.

Mit folgendem Ergebnis: 93 Prozent antworteten mit einem klaren "Eigentlich nicht", 5 Prozent hielten die Fragestellung für "zu allgemein" und zwei Prozent flüchteten mit "mehr oder minder... (wehenden Bärten - Anm. d. Red.)".

Die "Eigentlich nicht"-Gruppe enthielt 53 Prozent Studenten, 24 Prozent Arbeitslose, 2 Prozent Hausfrauen und 21 Prozent, die "einfach nur mal Kinder erschrecken" wollten.

Das "grauenhafte Werk" beflügelte Meinzels schärfsten Kritiker unermüdlichen Widersacher Professor Erich Hirse, den großen alten Mann der Weihnachts-Forschung, zu einem rapiden Endspurt. Der 82jährige aus Heiligenstadt schloss seine 56 Jahre währende Forschungstätigkeit mit dem vorsichtigen, aber vorläufigen Fazit: "Ich bin beinahe davon überzeugt, dass es so etwas wie den Weihnachtsmann durchaus gibt."

BARTLOSE PASSANTEN ANGEPÖBELT

Die aktuellen Ereignisse der letzten drei Monate überrollten jedoch die vagen Vermutungen der "Weihnachtsmann-Koryphäe" (Hirse über Hirse). Kreischende Kinder und Jugendliche haben im Osten Deutschlands auf die provokante These mit enthemmter Gewalt reagiert. Besonders Polizeidienststellen in Mecklenburg-Vorpommern berichten von marodierenden Gruppen, die bartlose Passanten anpöbelten. "Wollt ihr uns jetzt auch noch den Weihnachtsmann nehmen", skandierte der orientierungslos tobende Mob. Parteien und Gewerkschaften formierten sich auf der vermeintlichen Gegenseite. Auf einer Großdemonstration in Bonn unter dem Motto "Hände weg vom Weihnach´tsmann" gingen 30 Menschen auf die Straße. Zwei mit Bärten Vermummte aus dem autonomen Spektrum warfen Lebkuchen und Gebäck, was der bis dahin friedlich verlaufenden Kundgebung einen "üblen Beigeschmack verlieh" (Richard von Weizsäcker - damaliger Bundespräsident, Anm. d. Red.)

Auch in Wirtschaftskreisen sitzt der Schock tief. Der Bund der schokoladenverarbeitenden Weihnachtsmann-Industrie (BdsW) kündigte bereits gerichtliche Schritte an: "Eine fiese Kampagne. Das muss erst überprüft werden, da könnte ja jeder kommen", erklärte Dietmar Bons, Vorsitzender des BdsW, in einem Fernseh-Interview sichtlich erbost.

Während der Aktienindex 'Schoko' auf den tiefsten Stand seit 1897 rutschte, präsentierten Hirse und Meinzel vor zwei Wochen denselben Zeitzeugen: Rudolf 'Rednose' Glühnase, legendäres Leitrentier der Skyfly GmbH, die mit ihren sagenumwobenen fliegenden Schlitten für den Transport des Weihnachtsmannes verantwortlich zeichnet... Der sensationelle Fund des Tagebuchs von Rudolf (wir berichteten, Anm. d. Red.) öffnete, so Hirse, "ein neues Kapitel der Weihnachtsmann-Forschung." Die akribischen Aufzeichnungen legten die Wissenschaftler erfahrungsgemäß unterschiedlich aus. "Ich habe den Schlitten fast 30 Jahre gezogen. Es war immer so gegen Ende Dezember", zitierte Professor Hirse aus dem zwölfseitigen Werk des Transport-Methusalem die aussagekräftigste Passage.

"DAS FUTTER HAT IMMER GESTIMMT"

Dr. Meinzel ließ diese "eindeutig fehlinterpretierte" Abschnitt keine Ruhe. Er führte ein Telefoninterview mit Glühnase. Der 52jährige Rentierrentner gab zu, dass er den Mann auf dem Schlitten persönlich nie gesehen habe. "Es gab Gerüchte", erinnerte er sich, "doch groß nachgefragt hat da keiner, denn das Futter hat immer gestimmt."

Dr. Meinzel kostete des Triumph aus, als er diese Fakten vor Publikum präsentierte. Besonders der anglo-amerikanische Mythos des durch den Kamin eindringenden dickbäuchigen Geschenkeboten, der in jedem Haushalt einen Schluck Wein und ein Stück Gebäck zu sich nimmt, "hat sich als ein wahrer Schuss in den Ofen erwiesen", wieherte Meinzel lauthals.

Mittlwerweile bezweifeln auch Experten des Statistischen Bundesamtes offen, dass ein Mann dieser Größe zwei Milliarden Haushalte via Schornstein besuchen könne. "Der hätte nur 0,018 Millisekunden Zeit", lacht Meinzel. Und: "Vertilgen Sie mal 30 Hektoliter Wein und acht Tonnen Gebäck. Real lachhaft!" Das Fassungsvermögen eines Rentierschlittens würde nur bedingt für eine derart große Ladung ausreichen, erklärte dazu ein Sprecher des Lappländischen Technischen Überwachungsvereins (LTÜ) auf Nachfrage der charakter-Redaktion. Zudem seien bisher alle Flugversuche mit Rentieren des örtlichen Raumfahrt-Forschungsinsituts eher enttäuschend verlaufen.

Dr. Jack Meinzel scheint all dies nicht nur gewusst, sondern auch zum Jahresende geschickt arrangiert zu haben. Der Wissenschaftler wähnt sich bereits als lachender Dritter, während nicht nur Kinderaugen immer kleiner werden.


Schritte in die Zukunft

DER KOMMENTAR

Sicherlich, die Beweise der Forschung sind erdrückend, die Folgen fatal. Die moderne Wissenschaft nimmt uns immer mehr von den Mysterien des alltäglichen Lebens und ernüchtert damit unsere Umgangsformen.

Doch - und das geben wir zu bedenken - bewegen wir uns nicht auf ein neues Jahrtausend zu, in dem der Verlust des Weihnachtsmannes erheblich geringer ins Gewicht fallen wird als die Erkenntnis, dass Rentierschlitten nicht fliegen können?!

Die zukünftigen Aufgaben der Menschheit liegen nun nicht mehr im Warten auf einen Mann, der nie kommen wird. Die Bewohner dieses Planeten müssen aktiv werden, auf Dinge zugehen, wie uns schon Samuel Beckett in seiner aus heutiger Sicht geradezu prophetischen Weihnachtskomödie "Warten auf Godot" lehren wollte. Nicht die Existenz eines starken Mannes, der Dinge schon richten wird (für den viele den Weihnachtsmann hielten), sondern ein gemeinsames Ja ist zum derzeitigen Zeitpunkt gefragt. Ein Ja zur Demokratie und ein Ja zum Aufeinanderzugehen im Sinne des Miteinanderlebenwollens, also ein Zusammenwachsen, was zusammen wachsen muss.

Hoffen wir, dass mit dem Verschwinden des Weihnachtsmannes nun auch der barbarische Brauch der Verbrennung unschuldiger Bäume in unserem Land ein schnelles Ende findet.





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