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12|09/19 global

Die Patientin

> Die Patientin dreht sich nach einer unruhigen Nacht auf die andere Seite. Das Fieber ist zurück gegangen. Dafür sind die Schmerzen wieder da. Das fortwährende Stechen, Beißen und Jucken nagt an ihrer Seele. Und selbst das gute Parfum hilft nicht gegen die permanenten Ausdünstungen.
Überall auf ihrem Körper haben sich Mikro-Organismen ausgebreitet. Zunächst in kleinen Grüppchen, die sich scheinbar orientierungslos bewegten. Wie im Lehrbuch der Schädlingskunde beschrieben, haben sie sich ohne Vorankündigung explosionsartig vermehrt.
Die letzte Untersuchung hat ergeben, dass die Stoffwechselkreisläufe sich verändert haben. Das Blutbild ist in Mitleidenschaft gezogen worden, das Immunsystem scheint gestört. Mattigkeit, Schwäche und immer stärkere Schwitzanfälle - die Mediziner stehen vor einem Rätsel. Auch wenn sie es nicht gern zugeben.

Acht Uhr, ah, Chefvisite. Professor Carpo, Dr. Herse und Frau Dr. Leda stehen um das Bett herum. Der Chefarzt ergreift das Wort: "Guten Morgen, Frau... ähmm, … ja, wie geht es uns denn heute?"
"Ich weiß es selbst nicht, Herr Professor. Ich kenne diesen Zustand einfach nicht. Das hatte ich noch nie, und ich war doch immer gesund."
"Nun, jeder von uns kommt mal an die Reihe, nicht wahr. Sie haben sich eine Art Virus eingefangen. Der macht Ihnen zu schaffen. Gegen Ihre Beschwerden werden wir Ihnen Schmerzmittel geben. Ansonsten vertrauen wir in diesem Fall am besten den natürlichen Heilmethoden. Schwitzen Sie ordentlich - und das Fieber hat ja auch seinen Sinn, nicht wahr. Also, das wird schon wieder, Frau..."
Dr. Leda flüstert ihm den Namen der Patientin ins Ohr. Aber der Chefarzt eilt bereits hinaus. Seine Kollegen folgen ihm.
"Solange wir über die Ansteckungsgefahr nichts weiteres wissen, bitte kein Wort zu ihr, ja?"
"Natürlich Chef, aber was ist mit den Giftstoffen, die von den Viren produziert werden?"
"Das ist ein Nebenschauplatz, Frau Kollegin. Da wird unser heutiges großes Blutbild schon Näheres ergeben. Außerdem werde ich mir die Abstriche der kleinen Plagegeister mal unter dem Mikroskop ansehen. Wenn Sie Lust haben, ich bin nachher im Labor. ---
Also: Wichtig ist, dass wir unsere Patientin bei Laune halten, man könnte ihr ruhig auch mal etwas Heiteres erzählen. Sie haben doch ein Händchen dafür, werte Kollegin."

Im Labor. Professor Carpo schaut auf: "Ah, schön, dass Sie da sind, Frau Kollegin. Hier schauen Sie sich das mal an!"
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"Sehen Sie das? Diese Biester benehmen sich völlig irrational. Einerseits vermitteln sie einem das Gefühl, dass es sich beinahe um intelligente kleine Wesen handelt; ich meine vorhin sogar eine Form von Kollektiv-Intelligenz wahrgenommen zu haben.
Aber dann wieder dieses völlig unsinnige Verhalten. Hier, bei dieser Viren-Metropolis wird es ganz deutlich: Da wuseln um die 20 Millionen umeinander herum, und – ich muss Ihnen wohl rechtgeben - jetzt schauen Sie mal, wieviel Gift die erzeugen. Wenn wir uns die Patientin als Baum vorstellen, dann sägen die Kleinen da gerade am Ast, auf dem sie sich befinden. Und wenn ich sehe, wie tief die zum Teil unter der Haut sitzen, würde ich beinah' sagen: Die schaufeln sich ihr eigenes Grab. Und nur so nebenbei: Damit radieren sie die Hälfte der übrigen Mikro-Organismen gleich mit aus. Wie ein negatives Breitband-Antibiotikum, quasi."
"Da frage ich mich, wie die mit ihresgleichen umgehen, Chef."
"Gute Frage, Frau Kollegin. Ich habe mal spaßeshalber zwei Kulturen aus verschiedenen Körperzonen zusammen gebracht..."
"Und?"
"Ein ziemliches Gemetzel, würde ich sagen. Diese Mikroben reagieren überaus aggressiv aufeinander, soweit ich das beurteilen kann. Sehen wir uns nachher beim Essen?"

Die Patientin bekommt von diesen fachärztlichen Gesprächen nichts mit. Sie schläft und träumt von einer Weltreise. In einer europäischen Hauptstadt hat sie das Gefühl, von ihren eigenen Viren umringt zu sein. Die rufen und schreien, während sie durch die Straßen ziehen. Manche diskutieren auch hinter verschlossenen Türen, das kann sie durch die großen Fenster sehen.
* Plötzlich befindet sich die Patientin an der See. Am Ufer sitzt eine kleine Meerjungfrau. Die hebt den Kopf und sagt: "Sie werden wieder gesund. Wir hier unten wissen das." Dann wacht die Patientin auf und fühlt sich schon wieder ein wenig besser.

In der Kantine. Während der Mittagspause wendet sich Frau Dr. Leda an Professor Carpo: "Ich habe da einen Witz gehört, den möchte ich Ihnen gern erzählen."
"Nur zu", sagt der Chefarzt, "nur zu, ich höre."
"Also, treffen sich zwei Planeten. Fragt der eine: 'Na, wie geht’s?' Und der andere: 'Nicht so gut, ich bin krank. Ich habe Homo Sapiens. 'Ach', meint der erste: 'Hatt' ich auch mal, das geht vorbei'."
"---"
"Na Chef, wie finden Sie ihn?"
"Tja, also, also wenn Sie mich so fragen: Ich verstehe nicht, was daran komisch sein soll."
Frau Dr. Leda blickt Professor Carpo an. Klar, hätte ich mir denken können, dass er den nicht versteht. Er hat eben andere Sachen im Kopf.
Na, mal sehen, ob ihm wenigstens der Name unserer Patientin wieder einfällt.


Nachtrag:

ein Zitat von

Dennis Meadows, Ökonom aus den USA (veröffentlicht am 9.12.2009 u. a. von Spiegel online)

"Wir müssen die Welt nicht retten. Die Welt wird sich selbst retten, so wie sie es immer getan hat. Manchmal dauert es eben einige Millionen Jahre, bis ein Schaden repariert und ein neuer Gleichgewichtszustand eingetreten ist. Die Frage ist vielmehr: Wie retten wir unsere Zivilisation?"



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