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> 10|07 theater

Sektion auf dem Präsentierteller

"Die Katze auf dem heißen Blechdach" von Tennessee Williams im Deutschen Theater Göttingen


> "Warum liegst Du da auf dem Boden, Onkel Brick?" "Weil ich Deine Tante umbringen wollte - es aber nicht geschafft habe." Was die Wahrheit ist, und was das Publikum erheitert. Brick, durch Knöchelbruch auf eine Krücke angewiesen, leidet derweil an seinem Dasein, bis es dank des soundsovielten Drinks "Klick" macht in seinem Kopf und der Alkohol ihn endlich friedlich stimmt.

Tennessee Williams hat in sein 1955 uraufgeführtes Lieblingsstück Motive des eigenen Neurosen-Dschungels und folgende Charaktere eingebaut: den reichen Familienvater, dessen Geburtstag den Clan zusammenführt, seine fürsorgliche Gemahlin, die beiden ungleichen Söhne mit den rivalisierenden Ehefrauen, den "halslosen, schrecklichen" Nachwuchs der einen (nach Meinung der kinderlosen anderen) - und den Arzt, der mit einer Diagnose alles kippen lässt.

Regisseur Henner Kallmeyer hat einen unspektakulären Rahmen geschaffen, auf dessen Nährboden Williams' moderner Klassiker vielleicht am besten gedeihen kann. Schon die fast vollständige Abwesenheit von Musik zwingt zur Konzentration auf Dialoge zwischen Liebe, Tod und Geldgier. Die Bühne (Ausstattung: Franziska Gebhardt) wird zum Präsentierteller, mit kreisförmigen Grundflächen und lamellenartigen Wänden, die rundum Transparenz schaffen. Ob für unfreiwillige Zuhörer oder neugierige Lauscher, die so erfahren, was sich Brick und seine Frau Maggie zu sagen und nicht zu sagen haben. Denn auf deren Räumlichkeiten bleibt das fast zweistündige Kammerspiel beschränkt, das in Echtzeit das Gewebe aus Lüge und Heuchelei in einer neureichen US-Familie messerscharf seziert.

Beste Voraussetzungen also für einen spannungsgeladenen Abend. Dennoch wirkt die Inszenierung, als hätten ihr Kürzungen gut getan. Das erlaubt der Verlag allerdings nicht, und die guten Schauspielleistungen können nicht darüber hinweg täuschen, dass nicht alles aus der US-Welt der 50er Jahre heute noch Bühnendramatik garantiert.

Bei Brick und Maggie also: Hier geraten zunächst der trinkende Ex-Sportler und Sportreporter und seine Frau aneinander, die sich trotz sexueller Frustration nicht trennen will und sich fühlt wie "die Katze auf dem heißem Blechdach". Hier gewährt Brick seinem Big Daddy Einblick in seine tiefe Beziehung zum früh verstorbenen Jugend- und Sportkameraden Skipper, die innerfamiliäre Spekulationen um heimliche Homosexualität anheizt. Bevorzugt natürlich bei Bricks Bruder Gooper (Nikolaus Kühn als glatter Anwalt) und dessen Frau Mae (Marie-Isabel Walke als naiv-intrigantes Muttertier), die mit fünfköpfiger Kinderschar um die Zuneigung und - bald offensichtlich - noch mehr um das Erbe des Patriarchen bemüht sind.

Dessen Gunst gehörte aber immer Brick, dem er sich seinerseits anvertraut: Der Clan-Chef (mit zerbrechlichem Kern hinter diktatorischer Fassade: Johannes Granzer) will anlässlich seines 65. Geburtstags nämlich einen Neustart wagen, die schon lang nicht mehr geliebte Big Mama (Gaby Dey als fluchende First Lady) endlich verlassen. Was der Lieblingssohn dem Vater im Gegenzug eröffnet, bringt den ebenso aus der Bahn wie seine Frau, der Doktor Baugh (Lutz Gebhardt) Big Daddys Todesurteil verkündet: Krebs. Bleiben am Schluss "Katze" Maggie, deren verzweifelten Kampf Renate Winkler als äußerlich souveräne, aber einsame Schöne verkörpert - und ihr Mann Brick, dessen Verfall zwischen Lakonie und Cholerik Jan Pröhl einen beträchtlichen Anteil des braven Premierenapplauses einbringt.



Linktipp

- Deutsches Theater



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