> Deutsches Theater - 'Verbrenungen'
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Namen auf Steinen

Deutschsprachige Uraufführung des Bürgerkriegs-Dramas "Verbrennungen" im Deutschen Theater Göttingen


> Eine Feuerschnur zieht sich durchs Bild, oben hängen welche mit dem Kopf nach unten, eine Frau knallt einen Mann ab. Bewaffnete übergießen einen Bus mit Benzin, darin Flüchtlinge, Schüsse, das vollbesetzte Fahrzeug geht in Flammen auf. Eine Frau kommt ins Gefängnis, heißt jetzt "Nutte 72", wird vergewaltigt, Geburt hinter Gittern. Kinder im Knast? Sofort weggenommen. Bekannt als "die Frau, die singt" - statt unter der Folter zu schreien.

Wie das wohl ist, wenn man erst durch den Tod der Mutter erfährt, dass der totgeglaubte Vater noch lebt und ein weiterer Bruder existiert. Die Zwillinge Jeanne und Simon, Mitte 20, Mathedoktorandin und Nachwuchsboxer, werden mit einem ungeahnten Sichtwinkel auf ihre Familie konfrontiert. Laut Testament sollen sie den ominösen Verwandten jeweils einen Briefumschlag überbringen. Worauf das hinausläuft, kann keiner ahnen - weder Bote noch Adressat. Eine Reise beginnt. Von Paris in den Nahen Osten, und in die Vergangenheit, wo eine alte Frau ihrer Enkelin einschärfte, wie wichtig die eigene Bildung sei.

Aus Sicht der Mutter beginnt die Geschichte mit ihr selbst, Nawal, einer jungen Frau, die in ihr Heimatdorf zurück kehrt, um den Namen ihrer Großmutter auf deren Grabstein zu schreiben. "Jetzt, da wir zusammen sind, geht es besser", wird zum Motto der frisch Verliebten, geht im Schweigen verloren, flammt unendlich viel später zum letzten Mal auf.

In "Verbrennungen" erzählt der gebürtiger Libanese Wajdi Mouawad die Geschichte einer Frau und ihres Landes. Für den Autor fällt der lange, herzliche Premieren-Applaus besonders kräftig aus im DT, nach der deutschsprachigen Uraufführung eines beklemmenden Bürgerkriegs-Dramas.

Regisseurin Regina Wenig hat einen Rückblenden-Krimi auf die endlos scheinende, beinah leere Bühne choreografiert. Drei Stunden kalkuliert erzählt, Perspektiven eines Infernos montiert. Kommentiert von der Beamer-Leinwand, zeichnet "Verbrennungen" ein ödipales Schicksal inmitten von Gemetzel ab. Mit Figuren, die von einem starken Ensemble Kontur erhalten: Sesede Terziyan als Nawals Gefährtin Sawda, die leidenschaftlich und unbeirrt ihren Weg bis zur Selbstmordattentäterin geht, Jan Pröhl teils zum Schmunzeln als routinierter Testamentsvollstrecker, Katharina Merschel (Jeanne), deren Logik keinen Halt mehr hat und Christopher Weiss (Simon), dessen Kampf die Perspektive verliert.

Bei dem geheimnisvollen Nihad laufen die Fäden zusammen. Florian Eppinger ist Scharfschütze, Kerkermeister, Folterknecht und verlorenes Glied in der Familienkette zugleich, erzeugt Gänsehaut mit Totenfotos und einer leise vibrierenden Interpretation des Police-Stücks "Roxanne". Und endlich Nawal - eine Figur, zwei kongeniale Schauspielerinnen: Liebe mit 14, Hass mit 40, Stationen gelebt von Rula Badeen; ihre Kollegin Gaby Dey schon im Angesicht des Todes eindringlich an ihre Kinder appellierend: "Ihr habt den Umschlag geöffnet, ihr habt das Schweigen gebrochen. Schreibt meinen Namen auf den Stein, und setzt den Stein auf mein Grab."

Foto: Dorothea Heise



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