> Stadtfriedhof-Seerosenteich -
historisch gewachsenes Gesamtkunstwerk
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> 1|07 friedhof

Endstation Ewigkeit

> Allein "durch berühmte Namen" wird der Göttinger Stadtfriedhof zu einem der interessantesten Deutschlands - mit acht dort ruhenden Nobelpreisträgern, variantenreicher Gebäudearchitektur sowie vielfältiger Flora und Fauna ein historisch gewachsenes Gesamtkunstwerk.


> Wahren Weitblick bewies 1881 der damalige Göttinger Bürgermeister Georg Merkel: "Hochgelegen, mit herrlichem Blick ins Leinetal, verspricht dieser Begräbnisplatz, zumal wenn die Anlagen erst weiter gediehen sind, einer der schönsten und durch berühmte Namen interessantesten zu werden", prophezeite dessen Initiator in seiner Rede zur Einweihung des ersten Abschnitts vom neuen Stadtfriedhof 1881 (längst ruht auch Merkel selbst dort, ebenso wie der Schöpfer der Gartenanlagen, August Ahlborn).

Der Leiter des Städtischen Museums, Dr. Jens-Uwe Brinkmann, hat in seinem Buch über den Göttinger Stadtfriedhof diesen als "historisch gewachsenes Gesamtkunstwerk" beschrieben. Beim Rundgang über das rund 36 Hektar umfassende Gelände begegnen einem vielfältige Flora und Fauna, unterschiedlichste Grabmäler und Grabfiguren, gelegentlich ein anderer Besucher und immer wieder die Namen bekannter Persönlichkeiten, darunter jene der acht Nobelpreisträger, die in Göttingen ihre Endstation zur Ewigkeit gefunden haben. Diese Dichte naturwissenschaftlicher Totenruhe - bezogen auf die Einwohnerzahl Göttingens (rund 129.000) - lässt zumindest zu, seine Gedanken um den Begriff "Weltrekord" kreisen zu lassen, während man seine Schritte gelassen vom Haupteingang an der Kasseler Landstraße Richtung Süden lenkt und am rückwärtigen Friedhofsende zum Seerosenteich gelangt.

An dessen Südufer findet sich der Höhepunkt eines wissenschafts-historischen Rundgangs: Hier stehen - im Gegensatz zur sonst überaus großzügigen Grabaufteilung - eng aneinandergereiht die Grabsteine von fünf deutschen Forschern, die allesamt mit dem wichtigsten Wissenschaftspreis der Welt ausgezeichnet wurden: der Physiker Max von Laue (1879-1960) mit dem Nobelpreis für Physik 1914 "für seine Entdeckung der Beugung von Röntgenstrahlen beim Durchgang durch Kristalle" ebenso wie der Chemiker Adolf Windaus (1876-1959) mit dem Chemie-Nobelpreis 1928 "für seine Verdienste um die Erforschung des Aufbaues der Sterine und ihres Zusammenhangs mit den Vitaminen".

Sein "Nachbar" Walther Nernst (1864-1941) erhielt den Nobelpreis für Chemie 1920 "in Anerkennung seiner Arbeit auf dem Gebiet der Thermochemie", Otto Hahn (1879-1968), ebenfalls Chemiker wurde dieselbe Ehre 1944 zuteil: "für seine Entdeckung der Spaltung schwerer Atomkerne". Die Reihe komplettiert der Entdecker der Quantentheorie Max Planck (1858-1947), dafür Physik-Nobelpreis: 1914.

Seit Herbst dieses Jahres erinnert nur ein paar Schritte entfernt ein neues Ehrenmal an die großen Forscher. Für die Enthüllung des "Nobel-Rondells" am 16. September bildete das 125jährige Bestehen des Göttinger Stadtfriedhofs den Rahmen. Erschaffen wurde das Rondell durch die Göttinger Steinmetz Innung, Schirmherr des Projekts ist der Göttinger Ehrenbürger und Nobelpreisträger Prof. Dr. Manfred Eigen (Chemie-Nobelpreis 1967 "für die Untersuchungen von extrem schnellen chemischen Reaktionen, die durch Zerstörung des Gleichgewichts durch sehr kurze Energieimpulse ausgelöst werden").

An den Gräbern der drei übrigen großen Kollegen kommt man bei entsprechender Route ebenfalls vorbei. Dem deutsch-britischen Physiker Max Born (1882-1970) wurde - gemeinsam mit Walther Bothe - der Nobelpreis für Physik 1954 zuteil. Hier lautete die Begründung der Nobel-Kommission für die Preisvergabe an Born: "für seine grundlegenden Forschungen in der Quantenmechanik, besonders für seine statistische Interpretation der Wellenfunktion". Otto Wallach hatte den Chemie-Nobelpreis schon 44 Jahre zuvor erhalten, "in Anerkennung seiner Verdienste um die organische Chemie und die chemische Industrie durch seine Pionierarbeit auf dem Gebiet der alizyklischen Verbindungen".

Fehlt nur noch ein österreichischer Chemiker: Richard Zsigmondi (1865-1929) wurde ebenfalls in der Disziplin Chemie ausgezeichnet: 1925 "für seinen Nachweis der heterogenen Natur kolloider Lösungen und für die von ihm angewandten Methoden, die seitdem grundlegend für die moderne Kolloidchemie sind".

Aber auch ohne weiteren Nobelpreis ließe sich ein "Who is who" der Wissenschaft noch gut auf dem Friedhof fortsetzen. Zum 75. Jahrestag der Quantenmechanik wurde im Jahr 2000 neben dem Grab von Laue noch eine Gedenkplakette für Werner Heisenberg angebracht. Der ist zwar nicht in Göttingen begraben, hat in seiner hiesigen Forscherphase aber seine wesentlichen Entdeckungen gemacht und wurde hier später auch Direktor des Max-Planck-Instituts - er wäre im Jubiläumsjahr 100 Jahre alt geworden.

Ganz in der Nähe, als linker "Nachbar" von Max von Laue, liegt der Anorganiker Hans Joachim von Wartenberg (1880-1960). An die letzte Ruhestätte eines Mathematikers, dessen Konzepte für die moderne Physik nicht minder bedeutsam waren, erinnert der Grabstein David Hilbert (1862-1943). Ebenfalls in dieser Reihe zu nennen: Friedrich Wöhler (1800-1882), der mit seiner Harnstoffsynthese die Brücke zwischen organischer und anorganischer Chemie geschlagen hat; Wilhelm Weber (ebenfalls Chemiker, 1804-1891); Karl Schwarzschild (1873-1916), ein Begründer der modernen Astrophysik; Gustav Tammann (1861-1938), der wie kaum ein anderer die fließenden Grenzen zwischen Physik und Chemie offen legt.

Alle bedeutenden Namen lassen sich hier gar nicht aufzählen, darunter auch die der rund 20 Ehrenbürger Göttingens und jene, die ihr prominentes Leben nicht der Wissenschaft gewidmet haben.

Das Leben als Kreislauf von Geburt und Tod spiegelt sich indes auch im Spektrum der ansässigen Brutvögel wieder. Mehr als 30 Arten sorgen auf dem Friedhofsgelände für Nachwuchs: Amsel, Drossel, Fink und... zwar kein Star, dafür aber nicht selten Sperber, diverse Meisenarten, Goldhähnchen, Baumläufer, Heckenbraunelle, Mönchsgrasmücke, Zaunkönig und Zilpzalp - und im Teichbereich Graugans, Stockente und Teichralle.

Wer auf die Erwähnung des großen Göttinger Universalgenies gewartet hat, darf sich an dieser Stelle freuen - und muss dennoch enttäuscht werden. Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) wurde auf dem Bartholomäus-Friedhof an der Weender Landstraße bestattet. Aber das ist wieder eine andere Geschichte auf dem Weg zur Ewigkeit...



Rundgang über den Stadtfriedhof

In Memoriam - Ruhestätten von Nobelpreisträgern und berühmten Göttingern

Bei einem Spaziergang durch die schöne Anlage gibt Göttingen Tourismus e.V. eine Einführung in die Geschichte des traditionsreichen Friedhofs. Dabei werden die interessantesten Grabmale besucht sowie der private und berufliche Lebensweg bekannter Persönlichkeiten nachgezeichnet.

Weitere Informationen und Buchung: Göttingen Tourismus e.V., Tel.: 05 51 / 4 99 80 12



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