> Junges Theater - 'Bedtime for Bastards'
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Boulevard der kranken Seelen

Das Junge Theater Göttingen präsentiert die deutschsprachige Erstaufführung von "Bedtime for Bastards"


> "Was ziehe ich eigentlich an, wenn ich nicht ins Büro gehe?" Während das Publikum über Owens niedlich anmutende Ratlosigkeit lacht, entwickelt sich aus der plötzlichen Arbeitslosigkeit des Personalmanagers ein bitterböses Duell bis hin zum nackten Kannibalismus. Denn seine Partnerin Helene, die ihren Lebensinhalt als erfolgreiche Unternehmensberaterin gefunden hat, findet den Jobverlust gar nicht komisch. Auch privat ganz Geschäftsfrau, hat sie den nicht länger rentablen Gatten umgehend vor die Entscheidung gestellt: Hausmann oder tschüss.

Auch Jim und Bob sind gezwungen zu handeln. Die Mega-Kreativen einer PR-Agentur haben 15 Minuten Zeit, um Böse in Gut zu verkehren. Die Bilder, die der arabische Sender Al-Dschasira seit kurzem sendet, sind der Marke "USA" nämlich alles andere als förderlich: Wie soll man positiv kommentieren, wie U.S.-Marines unter Drogen Kinder in einem afghanischen Krankenhaus massakrieren? Das Außenministerium hätte da als Auftraggeber gern eine Antwort, und zwar sofort.

Was wäre wenn, hat Vanessa Badham sich mit finsterer Fantasie ausgemalt. Zutiefst gestörte Charaktere als Folge von Globalisierung und Turbokapitalismus lässt die 27-jährige australische Autorin durch ihre Einakter-Trilogie "Bedtime for Bastards" geistern. Für die deutschsprachige Erstaufführung hat das Junge Theater Göttingen die beiden Episoden "Kitchen" und "Capital" ausgewählt - und Regisseur Peter Hilton Fliegel hat daraus 100 Minuten Boulevard der kranken Seelen entwickelt.

Rund um einen kalten, weißen Küchenblock (Bühne und Kostüme: Norbert Bellen) eskaliert die Beziehung des Yuppie-Pärchens, während Synthiepop à la Depeche Mode aufflammt. Er trägt statt Business-Anzug bald ein Spice-Girls-T-Shirt - sie bringt sich mit diktiertem Dialog auf Beischlaf-Touren; erst: "Sag, ich will dich!" Dann "Erzähl mir, was du heute im Haushalt gemacht hast."

Und wieder einmal profitiert das JT von seinem Schauspiel-Ensemble: Karin Hanczewski dominiert als kalte und glasharte Karrierefrau, Andreas Döring (Bühnen-Premiere für den Intendanten) wehrt sich - mit Gefühl für witzige Nuancen - gegen die Opferrolle. Mehr oder minder erfolgreich bis zum Finale "Ich habe dich zum Fressen gern...

In "Capital" übertreffen sich "Jim" Jan Reinartz (ziemlich krank) und "Bob" Dirk Böther (völlig krank) an gefühlloser PR-Arbeit, inklusive Blitz-Workshop "Wie fühlt sich Erniedrigung und Gewalt am eigenen Leib an?"

Was beim Theaterfestival von Edinburgh noch für einen Skandal sorgte, wird vom Publikum in Göttingen mit Heiterkeit aufgenommen. Aber ob die Welt, in der wir leben, wirklich so fies ist wie in Vanessa Badhams Kosmos, dürfte nach dem jubelnden Schlussapplaus noch als Überlegung in so manchem Kopf kreisen.

Foto: Clemens Eulig



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