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> 11|13 theater

Von der Freiheit, alles oder nichts zu verstehen...

Versuch über ein Symposium im Jungen Theater (JT) Göttingen


> So. Da ist also eine E-Mail, die noch für denselben Abend einlädt: Ein Symposium in der Theaterkantine, mit Essen, Trinken und diversen Gästen. Eva Maria Baumeister gibt die Gastgeberin. Die künstlerische Leiterin des Hauses an der Hospitalstraße – des jungen theaters göttingen, das einst von Hans-Gunther „Schef“ Klein mitbegründet wurde, damals noch in der Weender Straße, dort oberhalb einer italienischen Eisdiele, wo es einmal derartig mediterran hitzig und laut zuging, dass der leibhaftige Mephisto die Treppe nach unten sprang, um ein für alle Mal für Ruhe zu sorgen für den Faust von oben – die jetzige Chefin des JT also freut sich sichtlich über den späten und unverhofften Gast – den geschichtenerzähler -, und er entrichtet brav seinen bescheidenen Obolus.

Denn es sind nicht nur Gesprächsinhalte in Aussicht gestellt zum Thema „Gast sein“, sondern auch Kürbissuppe mit Kürbiskernen, Hirschragout mit Preiselbeeren, Rotkohl und Kartoffel-Blumenkohl-Stampf, sowie Mousse au Chocolat mit warmem Vanilleschaum, und das kann sich Kantinenkoch Marek (ein Bravo! als verbeugender Gruß an die Küche) beim besten Willen nicht aus den Rippen schneiden.

Erwartungsvoll wird Platz genommen an der Tafel, die lang und fein und (so die Erinnerung) rot erscheint; „aber bitte nicht neben denen sitzen, die man kennt!“ ruft Dramaturg U. noch schnell nach. Und rechts sitzt die Zeremonienmeisterin N., die auf Rollschuhen aus Bautzen eingeflogen zu sein vorgibt, und ihre Augen... und links sitzt eine Schöne, die wiedererkannt zu sein scheint in dem Moment des Platz-Nehmens, aber sie ist es nicht – aber es ist egal, denn die Schönheit bleibt.

Sie entpuppt sich als Gast-Geberin aus und mit Erfahrung. Ihre Pension im Ostviertel der Stadt hat in zwei Dekaden viele Gäste gesehen, und eine hat sich gar verlaufen auf den so kurzen Göttinger Wegen, und viel Polizei musste eingesetzt werden, um die verloren geglaubte Prinzessin aus dem fernen Osten wieder zu finden. Und der geschichtenerzähler dachte sofort an den Film „Ein Herz und eine Krone“, Audrey Hepburn als Sozia auf Gregory Pecks Motorroller, voller Vertrauen verliert sie sich in seiner Welt, und sie hält sich mit beiden Armen an ihm fest, während hinfort gebraust wird - sie aus ihrem goldenen Käfig, und er zurück in seinen Alltag als Journalist, in Rom...

Göttingen also.

Der Mann aus Wien, der - anfangs mit Schnauzbart und Brille versehen - zwischen zwei Bücherstapeln aus denselben Bonmots eines nietzscheanischen Störenfrieds zum Besten gibt, erweist sich als Deutschmann, als Fußball-Ignorant, der dessen ungeachtet während der Europameisterschaft in der Schweiz und seinem Heimatland Frauenstimmen lautstark auf den Karlsplatz entließ, kroatische, polnische, deutsche und österreichische, alle heimatliche Schimpfworte skandierend, denn die Gruppenauslosung hatte eben jenen vier Nationen befohlen, sich nun für ein paar Wochen öffentlich zu hassen. Die Gäste des Symposiums haben dem anhand von „Spickzetteln“ nachgeeifert, Beleidigungs-Favorit war im subjektiven Rückblick „Eierlikör-Alkoholiker“.

Saufen und Fußball also.
Nein.
Essen und Trinken.

J. aus Wien, vorgestellt als Performance-Künstler, erzählt, wie er einst ein Bettlerbankett abhielt, mitten in der Hauptstadt, genau so, wie einst die kaiserliche Familie speiste, innerhalb des Absperrbandes wird sich gesättigt, außen vor darf immerhin das Wasser im Munde zusammen laufen. Gäbe es nicht den „Schleudersitz“, mit dem ein Außenstehender direkt an die Fleischtöpfe katapultiert werden kann, aber ebenso schnell wieder hinaus fliegt aus dem adeligen Gespachtel. Einer ohne feste Bleibe war auf einmal drin, hat noch seines Geistes gegenwärtig zwei Genossen eingeladen. Störenfriede? Nein, sagt J., man habe sich unterhalten bis zum Schluss.

Gäste auf Schleudersitzen also?
Nein.
Nur eine Frage:

Wie offen ist das Theater? So offen, dass der Zuschauersaal gefüllt werden darf bis zum letzten Platz, aber nicht so offen, dass eine Etage darüber Computer geklaut werden können (trotz Schloss). So offen, dass der Schauspieler P. sagt, ohne Konjunktiv sei die Reflexion des eigenen Spiels unmöglich, und so geschlossen, dass die Runde um den langen, eckigen Tisch seltsam vertraut erscheint. Links sitzen die vom Fach, ganz rechts die Pädagogin, die gern die Kinder vor der Bühne schart, ganz links die an Jahren reifste, eine, die den Lehrberuf längst hinter sich gelassen hat und nun leidenschaftlich gern Geschichten erzählt.

Das Märchen von der Prinzessin mit dem milch-befeuerten Läusegewand wird sie zum Abschied vortragen – und „echt Hardcore“ wird die freie Theater-Macher-Planerin dazu sagen, die mit ihrer Nachbarin Ensembles einladen will nach Dortmund, der Spielort sei noch offen, mit Gruppen müsse man noch sprechen und keiner solle außen vor sein, obwohl der Platz doch nur für Ausgewählte reiche – und wie denn der Prinz erkannt habe, woraus das Prachtkleid sei, und „keine Ahnung, das haben die Brüder Grimm offen gelassen“, und die Enttäuschung im offenen Gesicht lässt sich die Bühnenspiel-Fraktion alles andere als anmerken.


P.S. Der Mann, der links neben seiner schönen Pensions-Inhaberin seinen Platz hatte, vergaß es nicht, die Liebe ins Spiel zu bringen. einst kam er aus Argentinien, jetzt verwandelt er Gold in Kunst, und die Gastfreundschaft seiner Gefährtin in jenen Magnetismus, den wir Zuneigung nennen.

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