> Theologe Gerd Lüdemann -
Anspruch: die beste Bibel-Übersetzung
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>1|08 forschung

„Wissen, was wirklich in der Bibel steht“

Der streitbare Göttinger Theologie-Professor Gerd Lüdemann hat gerade eine neue Übersetzung des Neuen Testaments vorgelegt. Nach seiner Überzeugung liefert er damit die bisher beste Vesion in deutscher Sprache.


> Die genaue Zahl aller Bibel-Übersetzungen dürfte – sofern man an ihn glaubt - nur einer kennen: Gott allein. Die unterschiedlichen Motive und Ziele der bisherigen Verfasser erklären die Vielfalt ihrer Ergebnisse. Einer hat nun eine neue Arbeitsausgabe des Neuen Testaments vorgelegt, mit dem nicht gerade bescheidenen Ehrgeiz, die beste Version in deutscher Sprache zu liefern. Der Göttinger Theologie-Professor Gerd Lüdemann beschreibt seine Motivation gegenüber hallo göttingen damit, "jenseits von Ideologie und Frömmelei eine genaue Übersetzung vorzulegen, die wiedergeben soll, was die Texte und ihre Verfasser wirklich gesagt haben."

Die Qualität seiner Arbeit definiert sich für Lüdemann nicht anhand ausgewählter Einzelpassagen. Vielmehr sei zu beachten, dass die Markierungen und die Gestaltungen der Texte Teil des Gesamtwerks sind. Erst beides zusammen, die genaue Übersetzung des mutmaßlichen Urtextes und die sachgemäße Umsetzung von dessen Aussagen ins Schriftbild, macht für den Autor den Wert seines Werkes aus.

Für ihn und Co-Texter Frank Schleritt galt ein alter Grundsatz: "So genau wie möglich und so frei wie nötig". Nun ist Lüdemann glücklich darüber, etwas geleistet zu haben, was er schon zu Beginn seiner Professorenlaufbahn hätte tun sollen.

Nicht nur Bibelforscher und Theologiestudenten sollen von dem Werk profitieren. Eine wichtige Zielgruppe der Verfasser sind "die Laien, die wissen wollen, was denn nun wirklich in der Bibel steht und denen die kirchliche Lehre nicht genug Hilfe bietet." Zusätzlich hofft Lüdemann, dass die neue Übersetzung als Basistext im schulischen Religionsunterricht Anerkennung findet. Und spätestens bis zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 "soll sich unsere Arbeitsübersetzung in der Evangelischen Kirche durchgesetzt haben".



"Überlassen wir den Himmel denen, die sich nach ihm sehnen: den Engeln, den Spatzen und den Christen."



Lüdemann hat immer wieder Öffentlichkeits-wirksam die Echtheit der meisten überlieferten Jesus-Zitate und seine Auferstehung in Frage gestellt - und sich damit erwartungsgemäß nicht nur Freunde gemacht.

1994 sorgt der streitbare Theologe - ausgerechnet zur Osterzeit – überregional mit einer provokanten These für Aufsehen: Jesus sei nicht leiblich auferstanden und sein Grab "voll und nicht leer“ gewesen. Bereits vor dem Erscheinen des dazugehörigen Buches ,Die Auferstehung Jesu. Historie, Erfahrung, Theologie' wird der Wissenschaftler deswegen von vielen Seiten vehement attackiert.

Vier Jahre später forciert Lüdemann die Auseinandersetzung mit Kollegen und empörten Christen. In seinem Buch 'Der große Betrug - Und was Jesus wirklich sagte und tat' stellt er - auf den wissenschaftlichen Konsens verweisend - die Historizität der meisten Worte Jesu und erneut dessen Auferstehung unter Zweifel. Mit dem konsequenten Fazit, dass er nicht mehr an Sühnetod und göttliche Herkunft Jesu glaube, und plakativen Äußerungen wie: "Überlassen wir den Himmel denen, die sich nach ihm sehnen: den Engeln, den Spatzen und den Christen." Daraufhin soll er auf Drängen der Evangelischen Kirchen Niedersachsens die Theologische Fakultät Göttingen verlassen.

Die Experten polarisieren fortan ihre Standpunkte. So erkennt der Leipziger Theologe und Philosophie-Professor Christoph Türcke Lüdemann "im Würgegriff der Kirche" und fordert "eine Grundlektion in demokratischem Rechtsbewußtsein, nachzuholen und öffentlich zu fragen, wes Geistes Kind die Verträge von Kirche und Staat sind."

Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, sieht in Lüdemann jemand, der "Sinn und Zweck seiner Berufstätigkeit aufkündigt; aber an seinem Beruf gleichwohl festhalten will."

Professor Eberhard Busch, Dekan der Theologischen Fakultät Göttingen, argumentiert für den Lehrstuhl-Entzug Lüdemanns, "nicht weil er kirchliche Dogmen kritisiert hätte, sondern weil er das kirchliche Prüfungswesen als Heuchelei abgelehnt hat." Er sieht den Widerspruch in Lüdemanns Frage, ob die evangelische Theologie eine selbständige wissenschaftliche Aufgabe hat. Dekan Busch: "Unser frei lehrendes Kollegium bejaht einmütig diese Frage. Herr Lüdemann verneint sie."

Der kontert: "Nicht habe ich das kirchliche Prüfungswesen als Heuchelei abgelehnt, sondern habe es als scheinheilig bezeichnet, dass die Kirche künftige Geistliche auf etwas ordiniert, nämlich die Bekenntnisschriften, obwohl die Ungeschichtlichkeit von Jungfrauengeburt und Auferstehung Jesu zu dem Grundlagenwissen der neutestamentlichen Zunft gehört."

Schluss und endlich findet sich ein Kompromiss: Lüdemann wird Inhaber des neuen Lehrstuhls für "Geschichte und Literatur des frühen Christentums", verliert aber unter anderem sein Prüfungs-Recht und die bisherige Assistentenstelle. Lüdemann klagt dagegen juristisch - und wird in letzter Instanz vom Bundesverwaltungsgericht im November 2005 abgewiesen.

Kein Wunder also, dass die neue Bibel-Übersetzung unter erschwerten Bedingungen entstand: Lüdemann und Schleritt waren gezwungen, alles allein machen müssen – bis hin zum mühseligen Korrekturlesen, nur unterstützt durch zwei im Vorwort genannte Helfer, die im „Ehrenamt“ entsagungsvoll arbeiteten.

Neues Wissen über den Menschen Jesus von Nazareth kann und soll die Neuerscheinung nicht bieten. "Meine Erkenntnisse zum historischen Jesus habe ich 2004 in meinem Buch 'Jesus nach 2000 Jahren' vorgelegt, und ich sehe keinen Grund, etwas zu ändern."



"Wir brauchen eine Öko-Religion, die uns alle eint"



Dessen ungeachtet will Lüdemann mit seiner neuen Veröffentlichung mehr Licht auf die Christen der ersten bis dritten Generation werfen: "Sie haben nach dem Tod Jesu voller Eifer seine Worte an neue Situationen angepasst und unverdrossen gepredigt, dass er für die Sünden der Menschen gestorben ist und Gott ihn von den Toten erweckt hat."

Angenommen, der Nazarener wäre nicht vor 2000 Jahren geboren, sondern vor 30. Wie könnte man sich den zeitgenössischen Jesus vorstellen? Lüdemanns persönliche Meinung: "Er würde den Hungrigen zu essen geben, die Fremden aufnehmen, die Kranken besuchen und sich um Häftlinge kümmern."

Lüdemann selbst sieht sich nicht mehr als Christ, sondern als jemand, der aus beruflichen Gründen Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche bleibt. Für ihn genausowenig ein Gegensatz, "wie es sich bei rund der Hälfte aller evangelischen Christen vereinbaren lässt, die ebenso wie ich ungefragt getauft worden sind und ebenso wenig glauben wie ich und trotzdem Mitglied der Kirche bleiben." Da letzteres gegenwärtig noch Voraussetzung dafür ist, ein Amt als Theologieprofessor zu bekleiden, hält sich der Göttinger an die beruflichen Regeln.

Bestandteil seines alternativ-christlichen Glaubens ist: "Das Leben ist ein Geschenk, wofür ich dankbar bin; das Leben hat einen Sinn, selbst wenn wir ihn erfinden müssten. Die Erde ist geheimnisvoll und schön, wir werden sie bewahren."

Da stellt sich angesichts globaler Probleme wie Klimawandel und rücksichtslosem Wirtschaftswachstum zwangsläufig eine Frage: Müssen sich vielleicht sogar alle großen Weltreligionen neu definieren und ausrichten, oder reicht selbst dies angesichts der immer drastischer ausgemalten Zukunfts-Szenarien nicht mehr aus?

Lüdemann ist - verkürzt gesagt - überzeugt: „Wir brauchen eine Öko-Religion, die uns alle eint und Veränderung herbeiführt. Und bei der Öko-Religion können auch Nicht-Religiöse und Atheisten gut mitmachen."



"Die beiden großen christlichen Kirchen haben keine Zukunft"



Zurück zur Urgemeinde, die sich kompromisslos zu Jesus und seiner Botschaft bekannte: Hat das Christentum seinen ursprünglichen Charakter etwa schon verloren, indem es quasi etabliert wurde? So durch die demonstrative Taufe des Kaisers Konstantin und den Status als Staatsreligion? Lüdemann wagt zwar nicht, sich ausdrücklich zum Handeln des ersten römischen Herrschers christlichen Glaubens und den Folgen zu äußern. Allerdings wählt er in Bezug auf unsere Gesellschaft die Formulierung: "Die beiden großen christlichen Kirchen, deren Existenz in Deutschland durch den Staat finanziell gesichert wird, haben keine Zukunft, denn sie werden durch die enge Verflechtung mit dem Staat korrumpiert. Sie treten ja quasi als Staat im Staat auf."

2007 geht Lüdemann auch auf Konfrontationskurs gegenüber Papst Benedikt XVI. Der ehemalige Kardinal Joseph Ratzinger hatte ein Buch über 'Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung' verfasst - für Lüdemann eine peinliche Entgleisung. Anhand zahlreicher Textbeispiele versucht der Göttinger nachzuweisen, dass die historisch-kritische Bibelkritik „vor den Karren des römisch-katholischen Glaubens gespannt" und „intellektuell unglaubwürdig“ sei.

Dem entgegnet der Neutestamentler Klaus Berger, dass Benedikt einen legitimen Methoden-Pluralismus anwende, der in den letzten 20 Jahren wieder aktuell geworden sei. Der Papst bringt für Berger nur zusammen, was die Exegese, also die Auslegung der Bibel als Heilige Schrift in der christlichen Theologie, auseinandergezerrt habe. Begründung: Die kritische Exegese wollte schon immer den "echten Jesus" gegen die später entstandene Kirche ausspielen.

Von der besten deutschen Arbeitsübersetzung des Neuen Testaments ausgehend, eine Frage zur Person: Wie lautet die wichtigste Botschaft Jesu Christi? Gerd Lüdemann: „Wer auch immer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren, wer auch immer es verliert, wird es lebendig erhalten.“ *


* Lukasevangelium Kap. 17, Vers 33



Zur Person

Gerd Lüdemann, geboren 1946 im niedersächsischen Visselhövede, studiert in Göttingen und den USA Theologie. Nach seiner Promotion 1974 an der Uni Göttingen habilitiert er dort 1977 mit "Paulus, der Heidenapostel Band 1". Als Theologieprofessor ist er an der dortigen Evangelisch-Theologischen Fakultät von 1983 bis 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament. Seit 1984 lehrt Lüdemann auch als Visiting Scholar an der Vanderbilt Divinity School in Nashville/USA.

1994 stellt Lüdemann mit seinem gleichnamigen Buch ,Die Auferstehung Jesu. (Historie, Erfahrung, Theologie)' in Frage.

1998 zweifelt er seinem Buch 'Der große Betrug - Und was Jesus wirklich sagte und tat' darüber hinaus an der Historizität der meisten Worte Jesu. Daraufhin fordern die Evangelischen Kirchen in Niedersachsen beim zuständigen Wissenschaftsministerium seine Entlassung aus dem Staatsdienst und der Theologischen Fakultät. Zwar kann Lüdemann mit einem Sonderstatus an der Uni bleiben, sein konfessionsgebundener Lehrstuhl für "Neues Testament" heißt nun allerdings "Geschichte und Literatur des frühen Christentums", Status: konfessionslos. Damit hat Lüdemann sein Prüfungsrecht an der Theologischen Fakultät verloren.

2007 kritisiert Lüdemann Papst Benedikt XVI. Dessen Buch über 'Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung' bezeichnet er als „intellektuell unglaubwürdig“.

Ende Oktober 2008 veröffentlicht Lüdemann seine Arbeitsübersetzung des Neuen Testaments.



Link

- Lüdemanns Website



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