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"Wir für den Verein"
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> 9|08 fussball

Nach dem Spiel ist...

> Höhen und Tiefen rund um den Fußball hat kaum ein Verein so intensiv erlebt wie der Göttinger Traditionsclub von 1905. Das Schönste für Fans, Vorstand und Verein: Die schwarz-gelbe Legende lebt! Und der schärfste Rivale auch...


> Die rund 1.500 Zuschauer wirken verdächtig still. Für die Bezirksoberliga - sechsthöchste deutsche Spielklasse - eine stattliche Kulisse, denn das Lokalderby zwischen den Göttinger Erzrivalen 05 und SVG zieht magisch an. Und dennoch: 10 Minuten braucht es beim Saisonauftakt am 9. August, bis im Stadion an der Benzstraße endlich Stimmung aufkommt. Am Spiel, in dem sich der schwarz-gelbe Aufsteiger und der schwarz-weiße Gast keine Blöße geben und sich am Schluss mit einem torlosen Remis begnügen müssen, liegt das weniger. Auslöser sind die 05-Fans, die schlicht gestreikt haben in der Anfangsphase.

Wo sonst lautstark mit Konfetti, Fahnen und Gesang die eigene Elf einen mächtigen Schub erfährt, gähnt eine leere Tribüne. Darüber ein einsames Plakat: "Wir für den Verein - Vorstand gegen uns?"

Wie das? Da hatten sich doch 05-Aktivisten erlaubt, das entscheidende Spiel der Vorsaison in Goslar zu besuchen. Nämlich die mögliche Aufstiegs-Partie der ungeliebten SVGer, die – dann auf weiteres unerreichbar - in die Niedersachsenliga-Ost hätten davon ziehen können (sind sie aber nicht). Also zogen sich die 05er als Goslar-Unterstützer mindestens böse Blicke der mitgereisten SVG-Anhänger zu. Von Eskalation und Spieler-Beschimpfungen ist auch die Rede.

Während allerdings die Göttinger Medien von peinlichen 05-Ausschreitungen berichten, liest sich Version auf der Goslar 08-Homepage anders: Da ist man eher verwundert über die Aggressivität der SVG-Fans gegen Goslarer Spieler und 05-Fans. Dessen ungeachtet entschuldigt sich deren Vereinsführung bei den Vorharzern für seine Vertreter – und die sind alles andere als „amused“. Mit einem Wort: Fußball.

Auf "unsere Fans" lässt Ali Karakaya - und seine Augen funkeln nach Abpfiff des 1:1 gegen den VfR Osterode - nichts kommen. Mit Unterbrechungen gehört der Mittelfeld-Motor zum 05-Stammpersonal. Einst, in den 80ern, waren die Schwarz-gelben für den kleinen Ali noch "soweit weg. Aber immer hatte ich das große Ziel, mal in dieser Mannschaft zu spielen."

Ein Jahrzehnt später hat er das Auf und Ab des Traditions-Vereins näher als in der ersten Reihe erlebt: auf dem Spielfeld. Und nun darf es im Erfolgsfall wieder angestimmt werden, das „Ali Ka-ra-ka-ya --- oh-oh-oh-oh-ooh“ zur Melodie von „Vamos a la playa“.

Was aber unterscheidet die sonnige Euphorie, die ein lässig geschlenzter Hit einen Sommer lang trägt, vom Leben namens Fußball?

„Mir würde es Wohlbehagen bereiten, wenn meine Kinder und Enkel Arsenal-Fans wären und ich mit ihnen zuschauen könnte“, hat Arsenal-Fan Nick Hornby in seinem Roman „Fever Pitch“ („Ballfieber“) festgehalten: „Das scheint mir keine schlechte Art, die Ewigkeit zu verbringen. Und ganz sicher werde ich lieber auf der Westtribüne verstreut als im Atlantik versenkt oder über einem verlassenen Berg ausgeschüttet.“



"Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit des Gegners."



Dabei gilt ein Naturgesetz: Das Publikum ist ungeduldig. Von der ersten Minute bis in alle Ewigkeit. Das Tor soll fallen, und zwar sofort. Die Meisterschaft muss her, noch in dieser Saison. Erste Liga? Aber so schnell wie möglich! Deutscher Meister und Pokalsieger?Ja, ja! Champions League? Na, was denkst Du denn...?.

Einwurf: "Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit des Gegners." Wenn ein Philosoph wie Jean Paul Sartre es auf diese simple Formel bringt, sollte auch dem RSV Göttingen 05 mehr Zeit für Erfolge gegönnt werden. Natürlich wollen Siege wie 1950 das 2:0 gegen den Hamburger SV wiederholt werden, damals vor 20.000 begeisterten Zuschauern im alten Maschpark. Oder 1982, als wiederum die Hanseaten 05 den bis heutige gültigen Zuschauer-Rekord bescheren: 23.650 Menschen sehen das DFB-Viertelfinale im Jahnstadion. 05-Spieler 'Delle' Wolter wird das zwischenzeitliche 2:1 für Göttingen später so kommentieren: “Ich dachte, die Zuschauer reißen das Stadion ein.“.

Soweit muss es ja nicht gleich kommen, aber Geduld mit einem neuen Trainer scheint immer angebracht. Fünf Punkte aus den ersten vier Begegnungen 2008/2009? Mager, ließe sich schnell mosern. Was aber kann der Ungeduld entgegen gesetzt werden? Möglicherweise nachhaltige Entwicklung, abwarten, wie etwas wächst, obwohl die Gewissheit der eigenen Endlichkeit sofortige Glücksmomente herbeisehnt. Helfen könnte Kontinuität, wie der langjährige Freiburg-Coach Volker Finke meint. Zwei, besser drei Jahre solle ein Trainer Zeit haben, der Mannschaft sein Spielsystem zu vermitteln.

Diesen komfortablen Vorlauf hatte Finke als spontaner Betreuer einer Göttinger Stadtauswahl gegen Hessen Kassel (0:3) garantiert nicht. Dank der Connection aus gemeinsamen Regionalliga-Phasen wurde er von Helmut Latermann – einst 05-Zweitliga-Coach und heute sportlicher Leiter beim RSV 05 - auf die Göttinger Trainerbank eingeladen. Natürlich, sagt Finke, und sein kurzer, fester Händedruck verrät einiges über den grundsympathischen Wahl-Breisgauer, natürlich finde Fußball auf verschiedenen Ebenen statt. Und vielleicht sei etwas verloren gegangen in den letzten Jahrzehnten: das Herz, die Leidenschaft und die Begeisterung, für die "Kleinen" und ihre Fans auf Kreis- und Bezirksebene das Lebenselixier. "Aber bei den 20 Großen in der Champions League?" High Society in der VIP-Lounge und Etats ohne Ende: Das ist auch für Fußball-Profi Volker Finke eine andere Welt.

Das Eröffnungsspiel des umgebauten Jahstadions führte auch 05-Routinier Karakaya zurück an die alte Wirkungsstätte aus Regional- und Oberligazeiten. Schon damals dabei: die schwarz-gelben Supporter, der „harte Kern“ der Fans, von denen viele auch dem 05-Nachfolgeverein die Treue halten.

Denn ohne den kleinen Stadtteil-Club RSV Geismar wäre 05 mausetot. Als die Vorstände die Fusion zum nun schwarz-gelb-grünen Clubs beschließen, haben auch die 05-Fans ab Juli 2005 pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum ihre neue Heimat. Als überaus kreativ und gemeinhin friedlich geltend, hatten die zwischenzeitlich Vereins-losen Supporter mit einem speziellen Angebot für Furore gesorgt: „Wenn wir keine eigene Mannschaft haben, sind wir für Eure!“ Eine wohl einmalige Offerte, gegen Fahrt- und Kost-Kosten (Bier und Bratwurst) Stimmung für fremde Teams zu machen.

Trotz des gemischten Saison-Auftakts des RSV 05 dürfte Oli Sauer verhältnismäßig glücklich sein. Der altgediente 05-Anhänger und Fan-Beauftragte weiß: "Natürlich leben wir von einem - und für einen - Mythos. Eine solche Geschichte hat kein anderer Göttinger Fußball-Club“. Und nach einem gemeinsamen Abend von Vorstands- und Fan-Mitgliedern sind Missverständnisse - siehe Goslar-Ausflug - geklärt und Gerüchte aus der Welt geschafft. Oder, wie Sauer bilanziert: "Hauptsache, keine Fusion mit der SVG."

Dass die Kicker der Erzrivalen wie beim Match gegen Kassel gelegentlich gemeinsam auf ein Tor stürmen, ist schon nach den üblichen 90 Minuten Geschichte. Eineinhalb Stunden übrigens, die die Dramatik eines kompletten menschlichen Lebens – Theater ohne festgelegte Handlung quasi - auf ein emotionales Konzentrat reduzieren können. Bis auf Weiteres zumindest. Denn: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel...“*



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