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Pink Floyd - "Sheep"

- (Psychedelic video by Cris Caldwell)


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> 5|20 tiere

Im Inneren des Schafspelz

Durch eine fieberhafte Infektion waren die Schafe sehr intelligent geworden. Weltweit. Fast alle. Die wenigen Ausnahmen sorgten für Irritationen und ungewohnte Dramatik in der Schafswelt. Doch davon später.

Namen hatten die Schafe bislang nicht gehabt, weil sie keine brauchten. Sie erkannten einander am Klang ihres Blökens, an der Musterung ihres Fells und am Geruch. Das hatte genügt. Nun aber, im Eifer des neu erlangten Intellekts, begannen sich die Schafe selbst Namen zu geben, um ihre Einzigartigkeit zu unterstreichen.

Auch ich fühlte mich irgendwie... schlauer... gereifter...? Cooler... traf es irgendwie auch nicht. Sagen wir einfach, ich fühlte mich insgesamt gesünder, mit einem Wort: besser. Deshalb hatte ich mir den Namen Dr. Theodoro Minzloff gegönnt. Mit dem Titel brachte ich akademische Souveränität ins Spiel, ohne jemals eine entsprechende Abschlussarbeit verfasst oder gar eingereicht zu haben. Es war eine spontane Reaktion. Ich konnte gar nicht anders und wäre mir niemals irgendeiner Schuld bewusst gewesen. Denn alle machten es so - ich fand mich schlagartig umgeben von Professoren, Diplomingenieuren, Verwaltungspräsidenten und Oberregierungsräten. Ärzte und Anwälte ohne Ende. Beiderlei Geschlechts wohlgemerkt, denn unsere Frauen und Mädchen hatten ohne emanzipatorische Verzögerung gleichgezogen.

Nur mein bester Freund nannte sich Eddie das Schwein. Und er war durch keinerlei Diskussion davon abzubringen. Immer, wenn das Gespräch darauf kam, und ihn jemand vielleicht sogar im Scherz fragte "Na mein Lieber, dir ist wohl nichts besseres eingefallen", wehrte Eddie mit seiner rechten Vorderpfote gleichermaßen elegant wie mürrisch ab und brummelte sich irgendwas in seinen Wollbart. Einmal dachte ich, ich sei der einzige, der Eddie wirklich wahrnimmt.

Überhaupt die neue Körperlichkeit der Schafe: Zunächst hatten die Experimente darin bestanden, auf drei Beinen zu stehen und das vierte möglichst lange (das galt für die Männer) oder möglichst grazil (bei den Frauen) in die Luft zu strecken. Oder man versuchte, rückwärts zu gehen. Bald auch mit geschlossenen Augen. Und den Schwanz in eine Kreiselbewegung zu versetzen. Und dabei auch noch Gras zu fressen. Darin übertrafen sich besonders die Männer mit großer Ausdauer und Energie. Und wenn eine hübsche Dame vorbeikam, schielte man unauffällig hinüber und rief beiläufig: "Sehen Sie? Auch wir können Multitasking!" Das kam - zumindest gelegentlich - gut an, sonst hätten wir Schafsmänner sowas doch gar nicht erst angefangen. Und, wie soll ich sagen: Die Zähmung der Schwerkraft hatte auch unserem Sexleben eine neue Dimension beschert.

Einige Schafe enthielten sich dem allerdings vehement. Sie lehnten die geschlechtliche Liebe ab und beteten stattdessen den Hirten an. Der bekam davon zwar gar nichts mit, aber seine Anhänger skandierten laut: "Wir glau-ben! Wir haben Re-li-gi-on! Und ihr ni-hicht!"

Doch der Quantensprung schlechthin war die Erfindung der Räuberleiter gewesen. Natürlich brauchte man einen Partner, der geschickt, mutig und zuverlässig war. Dass sich schnell entsprechende Paare fanden, war wenig verwunderlich. Mit der Intelligenz hielt jedoch auch die kriminelle Energie Einzug, und es bildeten sich erste Banden, die mit dem Räuberleiter-Trick neue Welten erkundeten und dort dem Begriff Räuber alle Ehre machten.

So kamen endlich auch die Menschen dahinter, was Sache war. Denn sie übersehen zwar gern unangenehme Dinge, so lange es irgend geht - aber wenn eine maskierte Bande von Schafen den eigenen Balkon leerräumt, ist der Spaß vorbei. Zumal die Leute vom Rettungsnotruf anfangs nur lachten, wenn jemand atemlos in den Hörer keuchte: "Eben waren Schafe auf meinem Balkon, erst haben sie die Sachen auf dem Boden zertrampelt und dann das Abendessen abgeräumt. Sogar den teuren Rotwein, einen 87er Bordeaux! Ich fühle mich bedroht, mir zittern noch die Beine - bitte kommen sie schnell!"

Natürlich waren die Überfälle spektakuläre Ausnahmen, die guten Schafe waren in der Überzahl.

Auch ich fühlte mich... zu etwas berufen. Positiv sollte es sein, und anderen Schafen, mir selbst natürlich auch, etwas geben; irgendwie. Ich hatte mich einem kleinen Künstlerkreis angeschlossen, der sich regelmäßig traf, um sich kreativ auszutauschen. Für unsere abendlichen Zusammenkünfte hatten wir einen Ort gewählt, wie man ihn sich nicht besser vorstellen kann. Auf drei Seiten umgeben von wohlduftenden Hecken, auf einem Grund von herrlich weichem und doch sehr aromatischen Gras, tat sich uns zur vierten Seite ein Panorama auf, wie Schafe es schätzen. Oben der schon nachtblaue Himmel mit einer Ahnung von Schäfchenwolken, darunter der ferne Gebirgszug mit seinen runden Kuppen, was auf sehr alte Berge schließen lässt, davor das beruhigende Grün schier endloser Wiesen und Weiden und nur ein paar Schritte entfernt der Fluss mit seinem so erfrischenden Nass. Und wer kein Wasser trinken mochte, konnte an die Theke gehen, die an diesem wunderbaren Fleckchen Erde zwei Schafe errichtet hatten, die sich schlicht und unerfindlich "die zwei Meiers" nannten und eine Art der Fallobstgärung perfektionierten, die es in sich hatte.

Gleich am ersten Abend hatten wir unsere Vorliebe für Buchstaben ausgetauscht. "Mir gefällt das M sehr gut", meinte Marlena, die Wert darauf legte, nur mit ihrem Vornamen angesprochen zu werden. "Titel tun nichts zur Sache", lachte sie, und wir stimmten ihr zu. Auch allen anderen gefiel das M besonders, was uns gemeinsam sehr erfreute. Wir lächelten uns solange zu, bis Jack - ja, ich glaube, er hatte sich als Jack vorgestellt - eine Augenbraue hob, was auch bei männlichen Schafen sehr attraktiv wirken kann, und fragte: "Aber warum ist das so?"

"Warum ist was so?", fragte Marlena zurück.

"Warum finden wir das M so schön?"

"Weil", sagte Georg, und er hob zum Zeichen der Erkenntnis seine Pfote, "weil alle unsere Lautäußerungen mit einem M anfangen!"

Die Runde schwieg - und überlegte. Stimmt, Georg, der mit vollem Namen König Georg der 1. von Georgien hieß, hatte offensichtlich gut nachgedacht.

"Aber bei den Ziegen ist es doch auch so", warf ich ein.

"Das kann man nicht vergleichen", erwiderte Marlena: "Das ist wie mit Äpfeln und Birnen."

Jetzt meldete sich zum ersten Mal Naomi zur Wort. Sie malte großflächige Tierakte aller Art und hauchte nun zwei Fragen:

"Und die Kühe? Was ist mit den armen Kühen?" Gleich fängt sie an zu heulen, dachte ich, denn es schimmerte feucht in Naomis fast kreisrunden blauen Augen. Sie hatte einen Anfängerkurs für Rinderporträts belegt, weil sie unsere großen Weidennachbarn einfach sehr mochte; aber nun war sie untröstlich, weil dieselbe fieberhafte Infektion, die unser Leben so verändert hatte, den Kühen einen großen Teil ihrer Intelligenz geraubt hatte. Weltweit. Fast allen. Wenn es jetzt noch ein paar kluge Kühe - und natürlich auch Stiere - oder Ochsen - gibt, führt das bestimmt zu einigen Irritationen, überlegte ich gerade, als mich Marlenas Vorschlag wieder in die Runde der Künstler zurück holte.

"Wir wollen doch auch etwas schaffen. Deshalb könnten wir uns vielleicht", meinte sie, "jeder ein Thema ausdenken, über das jemand anders dann etwas macht." Alle nickten, die Idee war angenommen.

Schnell wurden kleine Zettel verteilt, und bald hatte jeder etwas notiert. "Jetzt kommt alles schön klein gefaltet in ein Gefäß, und dann ziehen wir der Reihe nach unsere Aufgabe." Das war ein Super-Einfall. "Wenn wir jetzt jeder auf Anhieb einen anderen Zettel ziehen und nicht unseren eigenen, ist das ein gutes Zeichen", sagte noch jemand, und dann hatte ich das Stück Papier mit meinem Thema in den Pfoten. Darauf stand: "Stell dir vor, du seiest ein Mensch. Welcher, wie, wo und in welcher Situation, nun ja, das kannst du dir aussuchen..."

Das war eine Aufgabe.

Es dachte mich förmlich auf dem Weg nach Hause, ich konnte kaum zur Ruhe kommen: Mensch sein. Am Anfang war ich mir sicher: Hey Super! Das kann ein sehr lustiger Text werden. Bald aber beschlichen mich Zweifel. Vielleicht unterschätzt man sie ja, die Menschen. Lebt tausende von Jahren quasi Tür an Tür und doch kennt man einander nicht. Überhaupt, vorausgesetzt, sie waren dazu in der Lage: Was dachten die Menschen über uns? Sie mussten doch bemerkt haben, dass sich unsere Welt verändert hatte. Was macht so ein Mensch eigentlich den ganzen Tag? Was bewegt ihn? Verändert sich auch seine Welt? Verändert er gar seine Welt? Und wenn ja: Merkt der eigentlich was davon, der Mensch?

Jemand musste nachts an meinem Bett gedreht haben, denn am nächsten Morgen sah die Welt schon ganz anders aus. Aus unruhigen Träumen erwacht, fühlte ich mich zwar wie seekrank, aber ich hatte sogleich die Lösung: Eddie, mein Freund Eddie das Schwein, der kannte doch die Menschen! Er hatte Jahre bei ihnen verbracht. Über die Zeit dort sprach er ungern, okay, aber - hallo! - das durfte kein Hindernis sein... Ich stand auf und trat zur Stalltür hinaus. Ein harter Tag lag vor mir.


Eddie lag auf seinem Lieblingsplatz und schnarchte. Vor den Fernseher, sein wohl einziges Zugeständnis an die neue Zeit, hatte er ein Bild gehängt. Es zeigte Eddie mit der Maske eines Menschen, in Menschenkleidung, an einem Menschentisch, in einem Menschenzimmer. Er schien sich an einem Schreib- oder Malgerät festzuhalten, mit letzter Kraft, denn er wirkte vollkommen erschöpft. Dass es Eddie war, erkannte ich nur an dem Selbstbildnis, das wie sein Spiegelbild vor ihm auf dem Tisch lag.

"Ah, der Herr Doktor, was verschafft mir die frühe Ehre?" fragte mein Freund. "Siehst du nicht, dass ich schlafe?"

"Nein", log ich und erklärte ihm meine Aufgabe.

Eddie schwieg so lange, bis mein Blick automatisch auf das Bild zurückwanderte. "Obwohl es so scheint, wirst du dort keine Lösung finden", meinte Eddie: "Komm, lass uns frühstücken gehen...!"

"Willst du den Fernseher gar nicht ausmachen", wollte ich noch fragen. Aber schnell schwieg ich - der Netzstecker lag auf dem Boden, von einer Steckdose keine Spur.

Auf Eddies Lieblingsweide waren wir allein. Als wir gut gefuttert hatten, erklärte mir das selbsternannte Schwein seine Sicht der Dinge. Um sich in jemand anderes hineinzuversetzen, müsse man ihn - oder es - zunächst beobachten, egal ob Schaf, Mensch, Tier oder Pflanze. Das leuchtete mir ein. "So lange und so genau wie nötig", fuhr Eddie fort.

"Aber woher soll ich wissen, wann es genug ist?"

"Du wirst es merken, wenn du dich nur auf dich selbst verlässt."

Bestimmt schien ich ratlos, und Eddie erklärte: "Jede Beobachtung ist auch ein Eingriff, je weniger der von dir Beobachtete davon merkt, desto mehr kostet es deine Kraft. Das sind die Auswirkungen von Sorgfalt und Achtsamkeit. Denn du willst seine Welt ja nicht verändern, sondern nur verstehen. Aber wir können nur das verstehen, was wir wahrnehmen. Und wir nehmen nur wahr, was wir begreifen. Das ist schon bei den kleinsten Lämmern so. Vergiss das niemals!"

So habe ich das noch nie gesehen, dachte ich laut. "Aber wenn", und es wurde mir leicht schwindelig, "wenn nun jemand gerade mich beobachtet, was geschieht dann mit mir?"

"Es kommt darauf an, was derjenige vorhat", sagte Eddie. "Denn du selbst merkst davon ja nichts. Du wunderst dich höchstens, warum du an der Weggabelung links gegangen bist und nicht rechts, wie du es vielleicht vorhattest. Oder warum du auf jemanden lange gewartet hast, von dem du ahntest, dass er niemals kommt."

"Wie bei 'Warten auf Godot'", platzte ich heraus, "das habe ich mal in einer Schulaufführung gesehen."

"Ja, das stimmt", lächelte Eddie, und ich fühlte es warm in mir aufsteigen. Nun schien alles ganz einfach und klar.

Wir spitzten die Schnauzen und knabberten wieder ein wenig vor uns hin. Das Gras schmeckte köstlich.

Ich verstand: "Und wenn ich mich nun endlich in den von mir Beobachteten hineinversetze, muss ich noch viel vorsichtiger sein, obwohl das schon gar nicht mehr möglich erscheint."

"Obwohl das schon gar nicht mehr möglich erscheint", wiederholte Eddie und nickte langsam.

Allmählich fühlte ich mich allem näher, Eddie, der Wiese, den Blumen, dem Horizont, dem Himmel. Mal war ich hier, mal war ich dort. Und eins war ohne das andere kaum vorstellbar.

"Und die Vollendung schließlich", stieß ich atemlos hervor, "ist, wenn es gelingt, sich vollständig in sich selbst hineinzuversetzen!"

"So ist es", bestätigte Eddie. Er zögerte. Es habe nur einen kleinen, aber entscheidenden Haken.

"Und der wäre?" fragte ich, nun schon recht souverän.

"Es wäre das Ende", sagte Eddie ernst, und ich fühlte mich plötzlich leichter als je zuvor. "Du hast es selbst erlebt", fuhr Eddie fort. "Erinnerst du dich an das Bild, das du mir kurz vor deinem Verschwinden gemalt hast?"

Statt einer Antwort begann ich leicht zu schweben.

"Es ist mein Lieblingsbild", sagte Eddie. "Es zeigt, wie die Welt wirklich ist. Ich habe es vor meinen Fernseher gehängt."

(Gerade lief eine Sendung über die Menschen Schafe, die durch eine fieberhafte Infektion sehr krank geworden waren.)


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