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Was sagt die Uhr?

Gedankenexperiment über ein Tool, das der Mensch erfand, um was zu haben? Zeit - für ein Gespräch.*


Prolog

- Na, was sagt die Uhr? Hallo? Hey!

- Hm? Was weiß ich. Wie spät isses denn?

- Gleich halb drei.

- Halb drei was?

- Halb drei nachts.

- Bist Du verrückt? Lass mich schlafen.


Tja, was sagt die Uhr? „Schon wieder ganz schön spät heute." Oder vielleicht: „Morgen ist auch noch ein Tag." Einfach nur „Tick Tack"? In unserer digitalen Welt? Dann vielleicht eher: „Nur der frühe Vogel fängt den Wurm." Zu ökologisch womöglich. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Hat sie einfach mal Michail Gorbatschow zitiert. Oder ganz ökonomisch: „Zeit ist Geld.“

Halt, wird da einer rufen: „Zeit ist nicht Geld! Zeit ist Zeit und Geld ist Geld. So." Und er muss es wohl wissen, der Rocko Schamoni, deutscher Entertainer, Musiker, Autor, Schauspieler, Clubbetreiber, festes Mitglied des Komik-Ensembles Studio Braun und Mitglied der Partei Die PARTEI. Er habe keinen Job, seine ganze Welt sei Hobby. Nebenbei lässt er sich vor der Kamera im Maßanzug chauffieren und singt: „Geld ist eine Droge, und ihr seid alle drauf."

Zurück zur Uhr, jetzt ist Zeit. Warum die für manche immer schneller zu verlaufen scheint, sei hier kurz abgehandelt. Den Diskurs beginnt das Argument, in Kindheit und jungen Folgejahren erlebe der Mensch so viel Neues derart komprimiert, dass dies die erlebte Zeit dehne. Danach scheine sie sich zu beschleunigen.

Denn es schleiche sich unaufhörlich Alltagsroutine ein: eingefahrene Essens-Rituale vom Frühstück bis zum Late-Night-Dinner, im Bett mit oder neben der*demselben Gefährtin*en, dieselben Lauf- und Fahrwege, immer dieselbe Musik auf dem vor Ewigkeiten eingestellten Sender, dabei der immerwährende Smalltalk übers Wetter, während die Jahreszeiten sich ungerührt den Staffelstab übergeben, begleitet von unveränderbaren Terminen: Silvester [Schon wieder im Dings feiern? Och nöö …], Neujahr [Mal sehen, was es bringt …], Ostern [Och nöö, schon wieder Nougat-Eier?], Pfingsten [Endlich Kurzurlaub, aber alles schon wieder ausgebucht …], Feiertage [siehe Pfingsten], Geburtstage [Was schenk' ich bloß ...? / Schon wieder zuhause feiern...? Och nöö, ist ja immer das Gleiche hier, also doch mal im Dings …?], Weihnachten [Gut, dass die Adventsphase gelaufen ist, umgetauscht wird noch vor Silvester …].


Das Leben als Spieluhr

„Mindestens ein Argument gibt es noch, oder?", fragt die Uhr. Ja, und es stellt sich so dar: Das Leben eines Wesens sei verglichen mit einer Spieluhr. Soeben aufgezogen, spult es vom Start weg munterst sein Pensum ab, verliert kontinuierlich an Geschwindigkeit und bleibt schließlich stehen. Vorausgesetzt, dass nicht abrupte Geschehnisse außerhalb oder innerhalb dieses Individuums darauf zusätzlichen Einfluss nehmen. „Spieluhr find ich gut", kommentiert die Uhr. Aber was nun das Argument besage?

Parallel zum Wesen unseres Gedankenexperiments existiert eine fast unendliche Zahl weiterer Lebensformen, deren individueller Tempoverlust angesichts der Masse kaum oder gar nicht erkennbar wird. Im Verhältnis zu diesem scheinbar gleichförmigen „Strom des Lebens” verliert das selbst erlebte – und allmählich erlahmende – Sein umgekehrt proportional an Fahrt. Das äußere Geschehen, gemessen mit der menschlichen „Orientierungs-Krücke” Zeit, scheint sich zu beschleunigen. So, wie ein Eisenbahnzug, der gegenüber dem eigenen anrollt, und den Eindruck erweckt, man führe selbst los.

„Also, falls man an seinem eigenen, perfekten Timing schrauben kann“, überlegt die Uhr, „hieße das zum Beispiel: jeden Tag etwas Neues probieren, Kaffee mal schwarz trinken, endlich ins alternative Kino gehen oder die Literatursammlung nach Alphabet sortieren, Lieblingsbücher im Extraregal?"

So in etwa vielleicht möglicherweise.

Apropos Lieblingsbuch, was sagt die Uhr? „For Whom the Bell tolls." Musik? "'Rock around the Clock!' zum Abgehen, 'Schön war die Zeit' für melancholische Stunden. Nee, Moment, das von John Cage, das ist auch toll. Oder, pardon, meine ich John Cale? Ich verwechsle die immer..."

Nun, Cale war Gründungsmitglied von Velvet Underground und lebt noch. Cage hat bereits das Zeitliche gesegnet und ein Marathon-Vermächtnis hinterlassen: Eine Verwirklichung seines Orgelwerkes ORGAN²/ASLSP [As Slow(ly) and Soft(ly) as Possible], das „langsamste Konzert der Welt", welches seit dem 5. September 2001 in Halberstadt am Nordharz in der St.-Burchardi-Kirche aufgeführt wird. Zwischen dem vorletzten Tonwechsel 2013 und dem nächsten am 5. September 2020 werden fast sieben Jährchen vergangen sein. Dieses Konzert soll bis zum 4. September 2640 dauern, was dann tutto completto 639 Jahre wären.

Die Uhr steht gefühlt auf zehn vor zwei – sie lächelt also oder grinst gar. Kurze Frage nachgeschoben: Lieblingsfilm? „Herr Lehmann." Wieso? „Wegen des Dialoges zwischen Herrn Lehmann und der schönen Köchin gleich als sie sich zum ersten Mal begegnen. Da fangen die an, darüber zu debattieren, ob für Betrunkene die Zeit schneller oder langsamer verläuft. Er argumentiert irgendwann mit ‚betrunkenem Sand' in der Sanduhr. Bim Bam, sag' ich nur. Zeit ist ja ohne Raum undenkbar."

Zeit und Raum, in der Physik ein bekanntes Kontinuum. Albert Einstein hat beide zumindest theoretisch in ein untrennbares Verhältnis gebracht. In der Praxis könnte das aussehen wie folgt: Wenn ein Astronauten-Team – nahe an der Lichtgeschwindigkeit reisend und unisono keine Party an Bord auslassend – wieder auf der Erde landet und zuhause auf den gesundheitsbewusst Alkohol-abstinent zurückgebliebenen Freundeskreis trifft, ergibt sich ein Kuriosum: Denn was lallen dann die Weltall-Bummler womöglich im Chor: „Ihr seht aber ganz schön alt aus.“


Die gefühlte Minute

Ähnlich wie im Science-Fiction-Film Interstellar … „Der ist auch megacool", unterbricht die Uhr. Interstellar, wo der Raumschiff-Pilot Cooper nahe an einem Schwarzen Loch in den Einflussbereich der Zeitdehnung gerät. Während für ihn eine Stunde vergeht, sind Nicht-Zeitgenossen außerhalb der Zone volle sieben Jahre gealtert. So nimmt der Extremreisende die bruchstückhaft von der Erde gesendeten Nachrichten seines Sohnes mit sichtbar gemischten Gefühlen auf. Freut sich Cooper anfangs über Bilder des ersten Enkels, beginnt er angesichts des Zeitraffer-Tempos der erhaltenen Videobotschaften bitterlich zu weinen.

Einstein hatte schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ausgetüftelt, dass Wesen im Grenzbereich zur Lichtgeschwindigkeit, ca. 300.000 km pro Sekunde, oder anlässlich nahezu unendlicher Gravitation gegenüber dem Rest des Weltalls ganz schön lange die junge Generation bleiben. Was macht es schon, wenn sogar dieses Superhirn auf seinen Göttinger Kollegen Emil Rupp hereingefallen ist? Dieser forsche Experimentalphysiker publizierte in den 1930er Jahren den durch seine Versuche angeblich belegten Beweis für Einsteins Positron-Theorie. Aber alles war gefälscht und Rupp ging als der größte Betrüger... „Halt", sagt die Uhr, „mehr Zeit, bitte.“

Einstein also nochmal: Man solle vergleichen, wie eine Minute gefühlt vergeht, wenn man sie einerseits mit der Allerliebsten verbringt oder andererseits mit dem Allerwertesten auf einer heißen Herdplatte. „Krasser Unterschied”, bemerkt die Uhr. „Ach, ich weiß noch ein Lieblingslied: 'One Bourbon, one Scotch, one Beer'. Hat mir ein Zeitgenosse, der in einer Bar über den Spirituosen hängt, aus den USA zukommen lassen. 'The Clock on the Wall says: Two 'O Clock', oder so.“

Ob es dort drüben auch heißt: Ein Pils dauert sieben Minuten?

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Als Referenz diene das Traditionslokal 'Die Klöftkörner' in Schwerin. Ein Selbstversuch in Rauchschwaden, das Getränk und ein hervorragendes [verneigender Gruß an den Koch und solidarische Grüße an das Team] Hamburger Schnitzel mit Bratkartoffeln erwartend, ergab: Dort kann man die Uhr nach dem Zapftempo stellen.

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„Und hier in Göttingen?" fragt die Uhr. Entsprechende Experimente durchzuführen sei dem hiesigen Gastro-Publikum - wenn wieder geöffnet ist - überlassen.

Die Uhr wirft ein: „Ich habe noch ein Lieblingsbuch! Von Norbert Elias." Über die Zeit also. Der deutsch-britische Soziologe erkennt: „Dass Zeit den Charakter einer universellen Dimension annimmt, ist nichts anderes als der Ausdruck einer symbolischen Erfahrung, dass alles, was existiert, in einem unablässigen Geschehensablauf steht. Zeit ist ein Ausdruck dafür, dass Menschen Positionen, Dauer von Intervallen, Tempo der Veränderungen und anderes mehr in diesem Flusse zum Zwecke ihrer eigenen Orientierung zu bestimmen suchen." So zitiert die Uhr Norbert Elias.

Aha. Vierte Dimension und so? „Genau", bestätigt die Uhr. Steht da nicht auch die Frage im Raum, was jemand von einem Volk denken würde, das kein Wort für ‚Zeit' hat? Und dass Kinder in unseren industrialisierten Staatsgesellschaften sieben bis neun Jahre brauchen, um das hochkomplizierte Symbolsystem aus Kalender und Uhren zu verstehen und ihr eigenes Fühlen und Verhalten entsprechend zu regulieren. „Klar, so hab' ich's in Erinnerung", meint das*die Chronometer*in [voll gegendert :-].

Was sagen eigentlich die Tiere, die Pflanzen und alle anderen Lebewesen auf unserem Planeten zur vierten Dimension? „Brauchen die nicht. Haben ja keine Uhr", lautet die Antwort, während sie süffisant auf zehn vor zwei zu verharren scheint. Das erinnere sie zudem an einen weiteren Lieblingsfilm: Antonias Welt von der niederländischen Regisseurin Marleen Gorris. Jedes Wesen hat seine eigene Zeit, kombinieren darin gemeinsam der langjährige Familienfreund Krummer Finger und Antonias sechsjährige Enkeltochter Thérèse. Sie fragt: „Was ist denn nun mit der Zeit? Machen wir die Zeit?" Der alte Philosoph antwortet: „Wir haben die Zeit erfunden." Sie sinniert: „Vielleicht haben die Ameisen auch ihre Zeit.“ – „Und die Grillen", ergänzt er. Sie: „Und die Bienen." Er: „Und die Zeit von den Schmetterlingen." Sie: „Und die Zeit von den Bäumen." Er: „Und die von den Sternen..." Sie: „Und die Zeit von dem Mond.“

Wie lange man eigentlich für eine Mondreise bräuchte, fragt die Uhr. Das kommt naturgemäß drauf an, wie schnell das Gefährt unterwegs ist. Mit einer Rakete ein paar Tage, wie erstmals mit der Saturn V im Jahr 1969. „Und der ökologische Fußabdruck?”, will sie wissen. Tja, war damals wohl kein Thema. Mit einem heutigen PKW bei konstantem Tempo von 100 km/h sollte man rund fünfeinhalb Monate für die Hintour einplanen; je mehr Teilnehmer, desto besser, wegen Lenkzeit, Unterhaltung, Fußabdruck etc. Schiebedach könnte übrigens problematisch werden.

Aber was haben die Autopiloten letztlich davon? „Einen tollen Blick auf die Erde”, überlegt die Uhr, „und auf das übrige Universum”. Aber eines müssten die Mondfahrer auf jeden Fall mitbringen und zwar jede Menge:

> Geld

> Energie

> Mut

> Zeit

„Bei Bedarf ankreuzen - Mehrfachnennung möglich“, sagt die Uhr, „und jetzt geh mir gefälligst nicht mehr auf den Zeiger.“


Das Gespräch wurde aus Zeitgründen ohne Uhr geführt


Kleines Lexikon

Abend, der: Tageszeit zwischen Nachmittag und Nacht

Beschleunigung, die: Erhöhung der Geschwindigkeit, erfordert Energie – E = mc², Gegensatz von Entschleunigung

Brotzeit, die: bayerische Mahlzeit, vgl. Gerhard Polt

Chronometer/in, der, die: Zeitmesser/in, Uhr

Dienstag, der: Wochentag, gefühlt nahe Montag, hat nicht zwangsläufig mit Dienst zu tun


Endzeit, die: negativ: wann, wenn nicht jetzt – positiv: kann warten, hat Zeit

Freitag, der: ursprünglich Jubeltermin, mittlerweile auch Zukunftstag

Fußball, der: "Ein Spiel dauert 90 Minuten", Zitat Sepp Herberger, ehemaliger Bundestrainer, Weltmeister 1954

Gezeiten, die: Ebbe und Flut, abhängig vom Mond, wechseln ca. alle sechs Stunden

Hast, die: als Subjektiv: Eile – als Verb: zweite Person, Singular, Präsens: z.B. [Du] hast [Zeit]


Immer: ewig, andauernd

Januar, der: erster Monat im Jahr, beginnt mit unendlich vielen guten Vorsätzen

Kalender, der: ein menschlicher Maßstab, auch für für das Klima

Leben, das: "Lebbe geht weide", Zitat Dragoslav Stepanovic, ehemaliger Fußballspieler und -trainer

Liebe, die: Anziehungskraft, nicht messbare Gravitation, unter ihrem Einfluss scheint sich die eigene Zeit – gefühlt, nicht gemessen – zu dehnen*

*Diese These ist nicht bewiesen und könnte mittels eines Gedankenexperiments über die Liebe fundiert werden.


Mond, der: einziger Erdtrabant, „geboren” vor rund 4,5 Milliarden Jahren, durchschnittlich ca. 384.000 km entfernt, eine Wanderung zu „la Luna“ [italienisch, spanisch] würde bei 4 km/h und gelegentlicher Rast rund 12 bis 14 Jahre dauern

Montag, der: wöchentliche Katastrophe, gelegentlich blau, Rosenmontag, vgl. Karneval

Natur, die: zeitlos

Ostern: Fest mit der wichtigsten christlichen Botschaft: „Eier!" [Oliver Kahn]

Polumkehr, die: alle paar hunderttausend Jahre, glaub' ich


Quizfrage, die: Wie lange braucht ein Vierminuten-Ei? Auf dem Mount Everest, am Nordpol, am Äquator oder im Pazifik?

Resturlaub, der: irgendwo zwischen illusionär und viel zu kurz bzw. zu spät

Samstag, der: dauert wie seine „Kollegen" 24 Stunden, wird aber häufig höher geschätzt und länger erlebt, Sonntag: ausschlafen

Times, the: "The Times They Are A-Changing" [Bob Dylan, Januar 1964]

Uhren-Dilemma, das: Bleib' doch mal stehen! – Keine Zeit!


Verticken, das: aktiv: verkaufen – reflexiv: sich verticken, Uhren-Schicksal

X: römisches Zahlzeichen für 10, Merkhilfe: der 10. Monat im Jahr ist immer der Oktober

Yucca: Palmlilie, mehrjährig

Zeitliche segnen, das: klerikal angehaucht für den Zustand des individuellen Seins, wenn der letzte Atemzug vergangen ist

Zeitlupe, die: Zeitdehner, Kinoaufnahmegerät, das pro Sekunde 100.000 Aufnahmen macht. Führt man einen so entstandenen Film in Normalgeschwindigkeit vor [18 Bilder/sec] so werden blitzartig ablaufende Ereignisse zu langsamen Vorgängen, Ggs. Zeitraffer.“ Quelle: Herders Volkslexikon, 1950


Zeitumstellung, die: alljährlich zwei Mal: im März werden die Uhren vor-, im Oktober zurückgestellt. Also aufgepasst! Am 29. März wurde Euch um 2 Uhr eine Stunde abgezogen, die Ihr pünktlich im Oktober wieder zurückbekommt. Verrückt? Deshalb wird dieses zeitliche Konstrukt innerhalb der EU intensiv diskutiert. Frage: Wer hat die „richtige” Zeit?

*Prozess läuft


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